„Krank Berlin“ bei Apple TV zeigt, wie dramatisch es in einer Notaufnahme zugeht.
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Deutsche Arztserien sind nicht Jedermanns Sache. „Krank Berlin“, ein Achtteiler, der auf dem internationalen Markt unter dem zungenfreundlicheren Titel „Berlin ER“ vermarktet wird, hält denkbar großen Abstand. Die Optik ist dunkel, die Handkamera spielt mit der Schärfentiefe herum, im Soundtrack wummern die Beats. Und alle Gesichter sind übermüdet und überfordert. Alle bräuchten mehr Kollegen und Geld. Alle stöhnen über Geräte-Ausfälle, und wenn neue Kundschaft durch die Tür rollt, weiß man nie, ob sie von Großfamilien begleitet wird und die Polizei den Eingang verriegeln muss. Die Notaufnahme des „Krank“, wie die Klinik salopp genannt wird, ist der Inbegriff der deutschen Gesundheitsmisere und ein Spiegel der erschöpften Gesellschaft.
Der erste Patient, den uns die Serie vorstellt, ist freilich keiner: Ein Partygänger schleppt sich nach Mitternacht durch die Berliner Straßen. Er ist sternhagelvoll, kracht gegen ein Taxi, wird vom selben Taxi in die Klinik gekarrt und dort von einem sanftmütigen Freund (Benjamin Radjaipour) bis zum Schichtbeginn mit ausnüchternden Infusionen versorgt. Gestatten: Doktor Ben Weber (Slavko Popadic). Er ist einer der Ärzte im „Krank“, braucht Berliner Nächte zum Ausgleich und hat ein massives Tablettenproblem; man kann es bei diesen Arbeitsbedingungen beinahe verstehen. Ein gebrochener Held und kein Halbgott in Weiß.
Die Leiterin der Notaufnahme, Suzanna Parker (Haley Louise Jones), ahnt weder etwas vom desaströsen Zustand Webers noch dem ihrer Abteilung. Parker ist neu in Berlin, der vierte Chef in kürzester Zeit und vielleicht ein bisschen zu jung, um nicht der fünfte Abgang zu werden. Aber das mit dem Alter sagt Steffen Beck (Peter Lohmeyer), Klinikdirektor mit schwächelndem Rückgrat, nur so dahin. Er ahnt, dass er diesmal die Richtige eingestellt hat, und geht davon aus, dass sich auch das Team für den Neuzugang erwärmen wird. Das institutionelle Wissen der Kollegen wird Parker erreichen, und umgekehrt wird auch sie Ideen einbringen. Wenn sich der Schock gelegt hat.
Die Besetzung passt wie angegossen – quer durch die Bank. Grandios spielt Safak Sengül die resolute Ärztin Emina Ertan, die sich für den Job von ihrer türkischen Familie abnabeln musste und Nervensägen per Feuerlöscher ausschalten kann. Aram Tafreshian ist Dominik Kohn, der Kompetenz-Aussetzer mit überfreundlichem Gehabe vertuscht. Bernhard Schütz („Vorurteile?“, „Berufserfahrung!“) glänzt als Rettungssanitäter Olaf. Der bodenständige Alte muss einen idealistischen Jungspund (Samirah Breuer) ins wahre Leben einführen und ist schon deshalb der potentielle Publikumsliebling – auch wenn das für diese Serie nicht das rechte Wort ist. Dafür ist „Krank Berlin“ stilistisch zu ambitioniert.
Bezeichnenderweise ist es keine Ärzteserie, die einem zur Beschreibung dieses Stils als Vergleichspunkt einfällt, sondern das Workplace-Drama „The Bear“. Kamera und Schnitt treiben in den ersten Folgen ein ungeheures, vom Zuschauer überhaupt nicht zu verarbeitendes Tempo voran, und genau so, wie uns bei „The Bear“ die Hektik einer prekären Sandwich-Küche erfasst, erfasst uns bei „Krank Berlin“ (Kamera: Tim Kuhn und Jieun Yi) die Hektik einer Notaufnahme mit Ärzten und Pflegern. Es ist die totale Reizüberflutung bis hin zur Tonspur. Die bei aufziehendem Gehirnnebel ins Rauschhafte gezogen wird.
Zwei Schmerzschreie später ist die Hektik zurück. Der Rettungswagen bringt neue Patienten, an manchen Tagen kommen sie derart zahlreich, dass sich die Wartenden auf der Liege im Flur nach einer Cola-Flasche zur Blasenerleichterung sehnen, und selbst draußen im Dunkel hoffen Kranke, die keine Versicherung haben, auf eine helfende Hand.
Zum Durchatmen ist so kaum Zeit. Die emotionale Tal- und Bergfahrt, die Krankenhausgeschichten populär gemacht hat, perfektioniert durch die US-Serie „Emergency Room“ (1994 bis 2009), erreicht bei „Krank Berlin“ eine für deutsche Verhältnisse überraschende Intensität.
Produziert wurde die Serie von Apple und ZDFneo – nachdem sie ursprünglich für Sky entwickelt worden war und mit dem Ausstieg aus deutschen Eigenproduktionen in Turbulenzen geriet. Das Drehbuch schrieb ein Team um Viktor Jakovleski und Samuel Jefferson. Jakovleski hatte die Idee, Jefferson arbeitete einige Jahre als Notfallmediziner in Großbritannien, bevor er umsattelte und das Drehbuchschreiben lernte.
Ist „Krank Berlin“ deshalb so stark? Sicherlich auch. Ohne diese Regisseure (Alex Schaad und Fabian Möhrke) und Gestalter hätte dasselbe Script Ermüdungsbrüche erleiden können. Dank ihnen sitzen wir gefesselt zwischen überforderten Lebensrettern und spüren, dass das System nicht mehr lange vor dem Kollaps bewahrt werden kann. Schlimmer, raunt die Serie, geht es nur in deutschen Altenheimen zu.
Frankfurter Allgemeine Zeitung